Der Penis als Kulturgegenstand

Auch nach Jahrmillionen der menschlichen Entwicklung beruht ein Großteil unseres Verhaltens auf uralten Mustern. Vieles davon nehmen wir natürlich nicht mehr wahr. Wenn man aber einmal darüber nachdenkt, erkennt man sehr schnell, dass man sich in den wenigsten Fällen dagegen gar nicht erwehren kann.

Ein wichtiger Faktor oder Motivator ist Macht.

Aus archaischen Gesichtspunkten heraus betrachtet, lag die Macht in grauer Vorzeit darin, die Sippe mit Nahrung zu versorgen beziehungsweise sie vor Gefahren zu beschützen. Der, der das am besten konnte, hatte auch das Vorrecht, sein Genmaterial zu verbreiten und so den Fortbestand der Sippe durch Auslese des Schwächeren zu Gewährleisten.

Die Tierwelt macht einem das heute noch vor und zeigt, wie auch der Mensch oder genauer seine evolutionären Vorstufen funktioniert haben und sich letztendlich in ihrer Form duchgesetzt haben.

Da heutzutage die existentiellen Bedrohungen in weiten Teilen der Erde nicht mehr vorhanden sind, wird die Macht (Potenz!) auf andere Weise erworben und dargestellt. Potenz bezieht sich heute in der Regel auf materiell darstellbare Werte, die mit einem größtmöglichen Aufwand an monetären Mittel zu erwerben sind oder zumindest den Eindruck erwecken.

Das betrifft sozusagen den Makrokosmos des Mannes, der auch heute noch viel  Wert darauf legt, sich so attraktiv darzustellen, dass er sich in die Lage versetzt, sein Genmaterial möglichst erfolgreich zu verteilen.

Also: teures Auto, exklusive Kleidung, möglichst eine gehobene Position im Beruf, oder sich zumindest den Job so darstellen, als hätte man eine solche Position inne. Die Kunst besteht darin, seine eher langweiligen Tätigkeiten möglichst interessant darzustellen.

Soweit zum Makrokosmos. Was aber passiert nun im Mikrokosmos des Mannes?

Nachdem er es geschafft hat, mit seinen Attributen aus dem Makrokosmos seine potentielle Geschlechts- und vielleicht die spätere Lebenspartnerin zu selektieren oder aber in Zeiten der Emanzipation auch selektiert zu werden, zählen dann doch andere Faktoren. Zur Verbreitung des Genmaterials benutzt der Mann gewöhnlich seinen Penis. Nun helfen aber nicht mehr die anderen aufgesetzten Attribute. Was zählt sind die nackten Tatsachen. Entspricht der Penis nicht den Vorstellungen der Partnerin, zerfällt hier die sorgfältig aufgebaute Welt die suggerieren soll, das die Frau sich einen potenten Partner gesucht hat zu Staub. Kann „Er“ mit dem repräsentativen  Fahrzeug und der teuren Kleidung nicht mithalten, ist er nichts weiter als ein zerbeulter Kleinwagen, mit einem Mann in schlecht sitzender Kleidung, der womöglich noch arbeitslos ist. Kurz gesprochen ist der Penis auch groß genug? Denn in diesem Moment reduziert sich alles auf die Geschlechtsorgane sprich Penis und Vagina. Das muss dann passen, wie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Hat die Frau aber den Eindruck, das der penisgewordene Schlüssel nicht zu ihrem Schloss „passt“ , oder sie sich aus anderen Gründen plötzlich zu schade für diesen Schlüssel ist, dann ist Not am Mann, beziehungsweise an seinem Penis. Denn beide funktionieren noch nach dem alten Prinzip aus grauer Vorzeit. Nur Partner, die eine erfolgreiche Vermehrung garantieren, werden auch ausgewählt und in die Planung für eine Familie mit einbezogen.

Da wir aber inzwischen Fortschritte im zwischenmenschlichen Umgehen miteinander gemacht haben, wird die Frau es sich im besten Falle nicht anmerken lassen, dass etwas mit dem Penis nicht stimmt und darüber hinwegsehen; Das eine mal. Denn ein weiteres Mal wird es im schlechtesten Falle nicht geben. Die Frau wird sich einen Mann, der ihren Erwartungen von Potenz entspricht, suchen.

Der Mann muss also versuchen sein Problem in den Griff zu kriegen, oder aber darauf hoffen, jemanden zu finden, der sich von der evolutionären Entwicklung getrennt hat und auf Oberflächlichkeit keinen Wert legt.

In einigen Kulturen ist es auch Sitte, den Penis mehr oder weniger öffentlich zu präsentieren. Oftmals werden Penisfuterale getragen. So zum Beispiel bei den Asmat, einem Ureinwohnervolk aus Neuguinea, oder auch bei den Aborigines Australiens. Diese Penisfuterale sind meist erheblich größer als der eigentliche Penis (bis zu 40 Zentimeter), also eine optische Penisverlängerung. Man sieht also, dass das Imponiergehabe keine „Zivilisationskrankheit“ ist, sondern uns schon lange Zeit begleitet.

Aber selbst in Europa gab es im 14. Jahrhundert sogenannte Schamkapseln auch Braguette genannt, die dem Selbstbewusstsein des Mannes einen ordentlichen Schub versetzen sollten. Entstanden ist das Braguette sozusagen aus einer modischen Notwendigkeit, da die vorher einzeln getragenen Hosenbeine nun zusammengenäht wurden. Diese Schamkapsel wurde auf die Hose genäht, beziehungsweise sogar auf Rüstungen der Ritter genietet. Dass diese Schamkapseln dazu dienten, sexuelle Potenz und politisch-soziale Macht darzustellen kann sich wohl jeder lebhaft vorstellen. Es gab eine echte Mode. Wie verkleidet man am elegantesten und am imposantesten seinen Penis mit einer Schamkapsel? Verschiedenste Füllungen zum aufplustern, Verzierungen und verschiedenen Formen, die sich natürlich immer sehr nahe am phallischen Ideal bewegten. Aber Letztendes war die sexuelle Botschaft und Anspielung nicht zu übersehen und mit Sicherheit auch gewollt.

Man kann also ruhigen Gewissens behaupten, das sich durch alle Epochen der Menschheit immer wieder der Darstellung der Macht und somit der Potenz eine sehr wichtige und elementare Rolle zukam. Der Penis fungierte also sehr oft als Symbol für Fähigkeiten und Eigenschaften, die mit dem Penis an sich nichts oder nur sehr wenig zu tun hatten. Aber trotzdem funktioniert auch heute dieses Spiel hervorragend und nicht wenige machen sich das auch in der Gegenwart noch zu nutze. Ob sie das wissentlich und willentlich machen, sei allerdings dahingestellt. Trotz unseres zivilisatorischen Fortschritts, können wir uns auch nicht dieser Wirkung, oder der mit dem Phallus transportierten Botschaft erwehren.

Aber auch hier wusste die Betrachterin nicht, was sich wirklich dahinter verbarg, ob es  nun ein Penisfuterale, oder eine Schamkapsel war. Aber wie wir wissen, kommt die Wahrheit ja früher oder später doch an das Tageslicht.